Was sagt uns Sprache, wenn sie nicht dem erwarteten Verlauf folgt?

Atypische Entwicklungen zwingen uns, die Organisation der Sprache und ihre Beziehung zum Gehirn neu zu überdenken.

Was sagt uns Sprache, wenn sie nicht dem erwarteten Verlauf folgt?
07/02/2026
3 min

PalmeWie ist Sprache im menschlichen Gehirn organisiert? Was ermöglicht es einem Kind, innerhalb weniger Jahre eine Sprache zu erwerben, diese Fähigkeit ein Leben lang zu erhalten oder dass sich das System nach einer Verletzung selbst reorganisiert? Diese Fragen, mit denen sich Linguisten, Psychologen, Mediziner und Neurowissenschaftler seit vielen Jahren auseinandersetzen, sind nicht nur für Akademiker relevant: Sie betreffen jeden, der verstehen möchte, wie eine der grundlegendsten und zugleich komplexesten Fähigkeiten des Menschen funktioniert.

Wenn wir an Sprache denken, haben wir oft ein recht festes Bild vor Augen: Sprecher, die die Sprache scheinbar mühelos erwerben, sie fließend beherrschen und diese Kompetenz über die Zeit bewahren. Dieses Bild bildete den Ausgangspunkt für einen Großteil der linguistischen, psychologischen und neurowissenschaftlichen Forschung und ermöglichte die Entwicklung robuster Modelle der Sprachorganisation und ihrer Verbindung zum Gehirn. Dieses Profil erfasst jedoch nicht die gesamte Vielfalt möglicher Lernwege. Wenn die Sprachentwicklung nicht dem erwarteten Verlauf folgt, wenn sich einige Systemkomponenten ungleichmäßig entwickeln oder wenn Sprache nach einer neurologischen Beeinträchtigung reorganisiert werden muss, ergeben sich Daten, die eine Anpassung vieler dieser Hypothesen erforderlich machen. Die Analyse dieser Profile ermöglicht ein besseres Verständnis der Funktionsweise von Sprache, da sie Aspekte des Systems sichtbar macht, die in typischen Kontexten oft unbemerkt bleiben. (BK_SLT_LNA) Klinische Linguistik

Vor einigen Monaten reflektierte Lluís Barceló in derselben Zeitung über die zunehmende Bedeutung der Linguistik im Gesundheitswesen und die Rolle, die Linguisten in interdisziplinären Teams spielen können. In seiner Reflexion hob er hervor, dass der Kontakt mit der klinischen Praxis unser Sprachverständnis und die Art und Weise, wie wir Fragen zu ihrer Funktionsweise formulieren, unmittelbar beeinflusst – genau das ist das Forschungsgebiet der klinischen Linguistik.

Diese Disziplin nutzt die Methoden der theoretischen und deskriptiven Linguistik, um die Sprache von Sprechern mit sehr unterschiedlichen Profilen zu analysieren: Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung oder genetischen Syndromen wie Down-Syndrom, Williams-Syndrom oder Prader-Willi-Syndrom sowie Erwachsene mit Alzheimer oder Parkinson. Ziel ist nicht die Diagnosestellung (eine Aufgabe anderer Fachkräfte), sondern die präzise Beschreibung der Funktionsweise des Sprachsystems in den jeweiligen Kontexten.

Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass Sprache keine einheitliche Fähigkeit ist. Bei als typisch geltenden Sprechern bleibt die Koordination zwischen Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Pragmatik oft unbemerkt. Im Gegensatz dazu lassen sich bei klinischen Profilen bestimmte Dissoziationen beobachten, die relevante Informationen über die interne Organisation des Sprachsystems liefern. Am 3. Februar veranstaltete die Universität der Balearen ein internationales Seminar zur klinischen Linguistik, das einen Überblick über diesen Ansatz bot. Die vorgestellte Forschung basierte auf vielfältigen empirischen Daten (spontane mündliche Äußerungen, Erzählungen, Aufgaben zum Sprachverständnis und zur Sprachproduktion sowie experimentelle Tests für spezifische Populationen) und behandelte ein breites Spektrum an Fragestellungen, stets ausgehend von einer detaillierten Analyse des Sprachverständnisses, der Sprachverarbeitung und des tatsächlichen Sprachgebrauchs. Eine der wiederkehrenden Fragen war, inwieweit die bei bestimmten Störungen beobachteten grammatikalischen Besonderheiten eine im Vergleich zu typischen Entwicklungspfaden verlangsamte Entwicklung widerspiegeln oder einer qualitativ anderen Organisation des Systems entsprechen. Vergleichende Daten zeigen, dass diese Unterscheidung nicht immer eindeutig ist und dass es oft notwendig ist, von Entwicklungspfaden mit eigenen Gesetzmäßigkeiten zu sprechen. In diesem Zusammenhang demonstrierten mehrere Studien den Wert von Querschnittsvergleichen zwischen verschiedenen klinischen Profilen. Die Analyse, wie Menschen mit unterschiedlichen Profilen (z. B. Autismus-Spektrum-Störung, Williams-Syndrom, Sprachentwicklungsstörung, Down-Syndrom oder Prader-Willi-Syndrom) Sprache verstehen und produzieren, ermöglicht es uns somit, Muster zu erkennen, die bei der isolierten Untersuchung der einzelnen Gruppen nicht sichtbar werden. Ebenso hilft der Vergleich typologisch unterschiedlicher Sprachen wie Englisch, Baskisch, Französisch, Niederländisch, Katalanisch oder Serbokroatisch dabei, zu unterscheiden, was von den Eigenschaften der jeweiligen Sprache abhängt und was eher allgemeinen Mechanismen zu folgen scheint.

Zweisprachigkeit

Das Seminar widmete sich insbesondere der Zweisprachigkeit, sowohl bei typisch sprechenden Bevölkerungsgruppen als auch bei Sprechern mit Sprach- oder Entwicklungsstörungen. In Kontexten wie dem Katalanischen, Kanadischen oder Baskischen, wo der Kontakt zwischen Sprachen zum Alltag gehört, ist dieses Thema besonders relevant. Die präsentierten Daten zeigen erneut, dass der Kontakt mit mehr als einer Sprache nicht zwangsläufig zusätzliche Schwierigkeiten mit sich bringt oder systematische Störungen der Sprachentwicklung verursacht. Gängige Praktiken wie der Ausschluss bestimmter Kinder von bestimmten Sprachen sind daher sinnlos. Weitere Beiträge weiteten den Fokus auf weniger häufig diskutierte Lebensphasen wie das Erwachsenenalter oder das Alter aus. Die Sprachforschung bei neurodegenerativen Erkrankungen zeigt, dass Kommunikationsstörungen über motorische oder Gedächtnisprobleme hinausgehen und auch Aspekte der Pragmatik und des Diskurses betreffen können. Schließlich regt die Forschung in der klinischen Linguistik dazu an, das Vokabular zur Beschreibung sprachlicher Profile zu überdenken. Begriffe wie „Defizit“, 'Die Begriffe „Erhaltung“ oder „Auswirkung“ sind oft voreingenommen oder vereinfachen komplexe Realitäten unzureichend. Die Daten zeigen daher Sprachsysteme mit Struktur, inneren Regelmäßigkeiten und Anpassungsfähigkeit, selbst wenn sie abweichende Entwicklungspfade beschreiten. Kurz gesagt: Die Betrachtung von Sprache aus diesen Perspektiven ermöglicht es uns, das Analysefeld zu erweitern und besser zu verstehen, wie Sprache im Allgemeinen funktioniert – sowohl wenn sie erwarteten Mustern entspricht als auch wenn sie von ihnen abweicht. Letztlich bleibt sie in jedem Fall ein organisiertes und dynamisches System, eng verbunden mit der Art und Weise, wie Menschen mit der Welt und untereinander interagieren.

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