Vermeiden Sie das Vermeidbare

16/01/2026
2 min

Der Beginn eines neuen Jahres geht üblicherweise mit zahlreichen Analysen und Prognosen einher. Manchmal lassen sich Dinge leicht erahnen, manchmal ist die Unsicherheit fast absolut, insbesondere bei Ereignissen, die außerhalb menschlicher Kontrolle liegen, wie etwa einem Erdbeben. Was hingegen von unserem Willen abhängt, ist leichter vorherzusagen, und wenn etwas schiefgeht, sollte es zumindest theoretisch vermeidbar sein. Doch nicht jeder versteht das, denn es gibt Ereignisse oder Prozesse, die von unseren Entscheidungen abhängen und dennoch als unvermeidlich wahrgenommen werden.

Das vielleicht deutlichste Beispiel dafür ist der technologische Determinismus, also die Annahme, dass sich Technologie unabhängig von menschlichen Entscheidungen weiterentwickelt und wir nichts dagegen tun können. Ein aktuelles Beispiel ist die künstliche Intelligenz (KI), eine Technologie mit großem Potenzial, die aber durchaus berechtigte Bedenken hinsichtlich ihrer möglichen Anwendungen aufwirft. Es gibt eine intensive Debatte darüber, doch viele der Botschaften, die uns erreichen, vermitteln implizit die Vorstellung, dass ihr Einsatz unvermeidlich sei und jeder Versuch, diese Technologie zu regulieren oder einzuschränken, ein Fehler wäre, der uns im Vergleich zu anderen Ländern benachteiligen würde. Obwohl dieses Argument nach wiederholter Anwendung überzeugend erscheinen mag, ist es im Grunde pervers, denn dieselbe Argumentation könnte auch die Wiedereinführung der Sklaverei in unserem Land rechtfertigen, falls andere Länder dies tun, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Zudem ist es nicht richtig, dass wissenschaftliche oder technologische Entwicklungen nicht gestoppt oder eingeschränkt werden können. Es gibt tatsächlich Beispiele dafür, wie etwa das Verbot der Entwicklung von Technologien zur Erzeugung menschlicher Klone. Klar ist, dass dieser Glaube einem mächtigen Wirtschaftssektor nützt, dessen Aktivitäten unter diesem Vorwand außerhalb politischer Kontrolle bleiben. In der Praxis bedeutet dies, dass Entscheidungen darüber, wie diese Technologie uns beeinflussen wird, nicht in Parlamenten, sondern in Konzernvorständen getroffen werden, ohne dass die Bürger ein Mitspracherecht haben. Diese Situation ist nichts anderes als eine Form der Tyrannei.

Haben diese Unternehmen wirklich so viel Macht? Die kurze Antwort lautet: Nein. Das eigentliche Problem liegt ganz woanders und hat viel mit dem allgemeinen Niedergang der Politik zu tun. Es ist kein Zufall, dass die Politisierung jeglicher menschlicher Bereiche heute stets negativ behaftet ist, dass sich Politiker weigern, sich als solche zu präsentieren und es vorziehen, sich als Manager darzustellen, oder dass Debattenforen an Einfluss gegenüber Expertengremien verlieren. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, doch eine der wichtigsten hat mit einem anderen Determinismus zu tun, der ebenso falsch ist wie der technologische: die Vorstellung, die Wirtschaft habe ihre eigenen Regeln und menschliche Eingriffe dürften nur technischen Kriterien folgen, die diese Regeln respektieren, selbst wenn dies Nebenwirkungen wie Armut oder Ausgrenzung zur Folge hat. Angesichts wirtschaftlicher oder technologischer Herausforderungen ist der einzig legitime Weg in einer demokratischen Gesellschaft, dass die Politik ihren rechtmäßigen Platz zurückerobert. Das bedeutet natürlich nicht, dass Expertenmeinungen ignoriert werden sollten, sondern vielmehr, dass sie politische Entscheidungsfindung nicht ersetzen können. Diese muss eine viel umfassendere Vision haben und sich weniger an Effizienzkriterien als vielmehr an Gerechtigkeitskriterien orientieren.

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