Ecce Woman

Weit entfernt vom Zug Antonia Vicens' Roman trifft mit ungewöhnlicher Wucht und bestätigt Seite für Seite das unbezwingbare Talent einer bereits bedeutenden Autorin. Die Neuauflage von „La Magrana“ fünfundzwanzig Jahre nach der Erstausgabe ist nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit, sondern vor allem eine Einladung, ein Werk (wieder)zuentdecken, das nach wie vor radikal relevant ist. Cecilias Geschichte, die von einem emotionalen und physischen Schwindelgefühl infolge von AIDS geprägt ist, entfaltet sich mit entwaffnender und unmittelbarer Intensität: Vicens beschönigt nichts, bietet dem Leser keinerlei Schutz, und gerade dank dieses schonungslosen Blicks entfaltet sich eine schmerzlichste Tragödie, die sie zu einer monströsen, unaussprechlichen Gestalt macht. Das Leid, die Angst, das Delirium, die Zerbrechlichkeit und die Gespräche und Begegnungen mit Engeln werden nicht beschrieben, sondern in der Ich-Perspektive durch eine prägnante, verletzende Prosa erzählt und erlebt, die die Lektüre zu einem rohen, tiefgründigen und unvergesslichen Erlebnis macht – zu einer unerbittlichen Lektüre, die, das weiß ich mit Sicherheit, wirklich bemerkenswert ist.

Ein weiterer großer Vorzug dieses Rufes unbarmherzig Es ist ihre brutale Fähigkeit, einen inneren Zustand mit verstörenden, aber zugleich bewegenden und ergreifenden Wahrheiten darzustellen. Die Bildsprache ist oft extrem, die Erzählstimme oszilliert zwischen Unschuld und überwältigender Intensität, und diese anhaltende Spannung erschafft eine literarische Weltanschauung von animalischer Offenheit. Vicens gelingt es, den Leser durch ihre Stimme in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin hineinzuziehen. Die erzählerischen Mittel sind besonders brillant, so dass es einigen Schlussszenen gelingt, die Qual über die Grenzen des Textes hinauswachsen zu lassen. Weit davon entfernt, eine grundlose Übung in Grausamkeit zu sein, entspringt diese Intensität einer klaren künstlerischen Intention: das Unaussprechliche auszusprechen, Tabus in Worte zu fassen, das oft heuchlerisch Verborgene sichtbar zu machen. Aus diesen Gründen, Weit entfernt vom Zug, Antonia Vicens' Werk war vor einem Vierteljahrhundert bahnbrechend und ist heute ein hochaktueller Triumph, der sich mit der neogrotesken Strömung auseinandersetzt. Es beinhaltet zudem einen schonungslosen kritischen Blick auf die katalanische Literaturszene, die mit Ironie und einem klaren, bissigen Witz porträtiert wird und deren Eitelkeiten, Elend und Besessenheit von Preisen und Anerkennung entlarvt. Diese satirische Dimension bereichert den Band und eröffnet neue Interpretationsebenen, die Vicens' Geschick beweisen, Introspektion, Gesellschaftskritik und literarischen Anspruch miteinander zu verbinden. Weit entfernt vom Zug Es ist nicht nur ein anspruchsvolles Buch: Es ist ein sehr mutiger, radikaler und notwendiger Vorschlag, der Antònia Vicens als eine der wildesten und authentischsten Stimmen der Literatur bestätigt.

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