Wilde Dialektik

Sein oder Nichtsein

Die Absurdität des Lebens, seine dunkle, tragische, unbegreifliche Natur, erschöpft sich angesichts von Momenten der Schönheit.

13/02/2026

PalmeVielleicht gibt es nichts Schmerzlicheres als den Tod eines Kindes. Ein Mann, verzweifelt am Ufer der Themse, inmitten des dunklen Dickichts, ruft zu den gleichgültigen Sternen: Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Herzschmerz, Ungerechtigkeit, der Tod, der uns hilflos zurücklässt, die Schicksalsschläge eines Lebens, von dem wir seit mindestens zwei Jahrhunderten wissen, dass es keine Ordnung und keinen Sinn hat, sind eine schwere Last. Warum ertragen wir das Leben, fragt uns William Shakespeare, wenn der Tod so nah ist? Albert Camus argumentierte, dies sei die wahre Frage, die alle mögliche Philosophie eröffnet: Warum sein statt sterben? Von verschiedenen Orten aus besungen, lässt uns die Wunde der Endlichkeit dem Leben schutzlos ausgeliefert.

Hamnet war Shakespeares Sohn und starb mit elf Jahren. Maggie O'Farrell erzählt uns diese Geschichte in einem Buch, das so viele Menschen bewegt hat. Chloé Zhao hat kürzlich einen faszinierenden Film darüber gedreht. Nicht die Trauer, sondern das fortbestehende Leben fesselt. Der Wald, die Zaubersprüche, die Farben, die Vorzeichen, Agnes, das Theater … all das verschmilzt zu einem Ganzen und zeigt uns, dass Shakespeare sich der Schaffung unsterblicher Werke widmen konnte, weil eine kluge Frau sich um seine drei Kinder kümmerte. Hamnets Tod und der unermessliche Schmerz, den er auslöst, vertiefen die Kluft zwischen William und Agnes.

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Sein oder Nichtsein – auch dieses Dilemma steht im Mittelpunkt von Isabel Coixets neuestem Film. Tre ciotoleEine Trennung, Liebeskummer, löst eine lebensverändernde Situation aus, die die Protagonistin mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Von einem Balkon aus, der sich zur Abenddämmerung Roms öffnet, hört Marta das Heulen des Todes. Doch bereit, zu springen, findet sie einen Grund, der sie ans Leben bindet. Nach einer medizinischen Diagnose, die ihr jede Hoffnung raubt, verwandeln sich Gleichgültigkeit und Langeweile in eine tiefe Sehnsucht nach dem Leben. Wir folgen der Kamera durch eine Stadt, die wir kaum wiedererkennen – weder das Kolosseum noch den Trevi-Brunnen, nur das Licht, der Vogelschwarm, der den Himmel durchbricht, die engen Gassen, die Bars, die wir nie betreten haben, und eine Protagonistin, die sich im Wettlauf gegen die Zeit in das Leben verliebt.

Eine kleine Hoffnung

Beide Geschichten, so hastig erzählt, wirken, als wären sie schon tausendmal gehört worden, doch der aufmerksame Blick der Schöpfer versetzt uns mitten ins Geschehen, denn durch das „Wie“ der Kunst schenken sie uns Wege, im Dasein zu bestehen. Sie scheinen uns zu einer winzigen Hoffnung zu drängen, ohne jegliche epische Größe. Eine kostbare Hoffnung, denn wir alle sind jeden Tag dazu fähig, aus unserer eigenen, einzigartigen Perspektive. Die Absurdität des Lebens, seine dunkle, tragische, unbegreifliche Natur, verblasst angesichts von Momenten der Schönheit.

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Die Gegenwart ist undurchsichtig, taub, eindringlich; sie stutzt uns die Flügel. Die völkermörderischen Diktatoren, die Tyrannen, die Kretins – fast alle austauschbar – aus mitschuldigen Ländern zerren uns durch eine endlose Wüste. „Warum ertragen wir die Verachtung dieser Zeit, das Joch der Unterdrücker, die Beleidigungen der Arroganten, die verhöhnte Liebe, die Langsamkeit der Gerechtigkeit?“ Um Shakespeares Frage zu beantworten, müssen wir unsere Kamera weit in den Himmel richten und einen Vogel, einen Vogelschwarm betrachten, die uns mit dem einfachen Flügelschlag daran erinnern, dass es nicht Sinn oder Ordnung ist, die uns das Leben lieben lassen, sondern die Schönheit, die die Kunst hervorruft, die Liebe, die das sanfte Leben weckt, die Liebe, die das unverhüllte Leben weckt, der Sonnenuntergang.

Sein oder Nichtsein? Das Leben gerät ins Wanken, wenn wir auf die kleinen Dinge achten.